Neubaugebiet Hüls Nordost ,Fette Henn‘ (BP-550)


geschrieben am: 06.06.2016 in Kategorie(n): BZV


Brief des Hülser Bürgers Dr. Hans-Martin Große-Oetringhaus an die Mitglieder der Bezirksvertretung Hüls

 

Sehr geehrte Mitglieder der Bezirksvertretung in Hüls,

aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute an Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Hülser Bürgerinnen und Bürger wenden. Als ob wir es nicht bereits alle längst gewusst hätten, führte die Natur es uns in den letzten Mai- und den ersten Junitagen erneut drastisch vor Augen und ruft es uns zum wiederholten Male ins Bewusstsein: Versiegelung der Natur ist ein entscheidender Beitrag zur Schaffung selbst verschuldeter Katastrophen.
Der Grund dafür ist so einfach wie einleuchtend: Fallen 20 Liter Regenwasser auf den Quadratmeter Wald, so kann dieser diese Wassermenge aufnehmen. Fällt diese Menge auf Wiesengelände, kann dieses davon 18,5 Liter aufnehmen. Ein Feld bringt es auf 17,0 Liter. Eine versiegelte Fläche kann dagegen gar nichts aufnehmen. Sie lässt das Wasser in kürzester Zeit steigen. Es hat, wie Sie sicherlich den Medien entnommen haben, ganze Ortschaften verwüstet und sogar Menschen unter sich begraben oder mitgerissen. Die Frankfurter Rundschau vom 3.4.2016 (wie auch andere Medien) deckt die Gründe dafür auf: Schuld an der Katastrophe sind auch Bodenversiegelung und Flussbegradigungen. Und einen Tag zuvor war im gleichen Medium zu lesen:

Urbane Sturzfluten, ein neuer Begriff, den man sich merken muss. Dann heißt es weiter: den Politikern muss klar werden: Anpassung an den Klimawandel ist nicht nur wichtig in Äthiopien oder Thailand, sondern muss auch hierzulande schnell angepackt werden. Konzepte, wie man Städte und Gemeinden besser gegen extreme Hitze und extreme Niederschläge schützen kann, liegen vor – erarbeitet von vorausschauenden Stadtplanern. Sie müssen nun aber auch umgesetzt werden auch gegen Wiederstände. Gegen mehr Grün in der Stadt wird kaum jemand etwas haben. Aber wenn zum Beispiel neue Baugebiete gestrichen werden müssen, weil sie nicht ins Klimakonzept passen, ist Ärger vorprogrammiert. Und dann braucht es Rückgrat.“

Diese Erkenntnis ist der Grund meines Schreibens. Denn ein solches Rückgrat wünsche ich mir von allen Politikerinnen und Politikern in Hüls. Sie müssen jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, damit Hüls demnächst nicht zu einem Schwäbisch Gmünd, zu einem Braunsbach, zu einem Triften, zu einem Simbach – oder wie die Katastrophenorte dieser Tage sonst noch heißen – wird, weil innerörtliche Versiegelung ein Aufsaugen und Versickern der Regenfluten verhindert. Politiker, die Hüls in Zukunft vor solchen Szenarien beschützen wollen, müssen rechtzeitig die notwendigen Entscheidungen treffen.

Dazu gibt es ganz aktuell eine gute Gelegenheit. Es ist bekannt geworden: In dem Bereich der Gärten zwischen ‚Fette Henn‘/ ‚Kretenbäskesweg‘ / ‚Hinter der Papenburg‘ und ‚Klever Straße‘ soll ein Wohnbaugebiet entstehen. Nicht nur diejenigen in direkter Nachbarschaft beunruhigen solche Pläne, sondern vor allem auch jene Hülserinnen und Hülser im gesamten Ort,

§ die nicht noch weitere Fläche ihres Ortes versiegelt haben möchten, um dadurch nicht noch mehr ökologische Probleme zu bekommen und neuen Gefahren ausgesetzt zu werden,

§ die um die gesunde Luft und fehlende Luftschneisen in ihrem Ort fürchten,

§ die sich für ein Stück Natur mit schützenswerten Pflanzen und Tieren einsetzen, nicht zuletzt gerade auch für ihre Kinder,

§ die ein zunehmendes Verkehrschaos befürchten,

§ die den Charme und Charakter von Hüls mit seinen innerörtlichen Naturflächen erhalten möchten.

Für einen Hülser, der weder Besitzer noch Pächter eines der Grundstücke des geplanten Bebauungsgeländes ist, stellt sich angesichts von Bebauungsplänen für die Garten- und zum Teil naturbelassenen Grundstücken im innerörtlichen Bereich von Hüls die Frage, warum die noch weitgehend intakte ökologische Struktur des Ortes und jener Flächen, die für ein gesundes Ortsklima sorgen, zerstört werden sollen. Denn solche grünen Inseln mitten im Ort mit ökologischen Nischen für ein artenreiches Pflanzen- und Tierleben machen nicht nur den Charakter und den Charme von Hüls aus, sie sind auch mit dafür verantwortlich, dass die ökologische Struktur des Ortes in vielen Bereich noch intakt ist.

Eine weitere Versiegelung Hülser Bodens würde diesen Lebenswert von Hüls zerstören und zudem jene Gefahren erhöhen, die uns die Flutkatastrophe der vergangenen Wochen deutlich vor Augen geführt hat.

Die Bodenversiegelung durch den Bau von Straßen, asphaltierten Wegen, Plätzen und Häusern bildet nicht nur in Hüls sondern deutschlandweit ein großes Problem. Werden freie Flächen versiegelt, kann deutlich weniger Regenwasser versickern. Bodenversiegelung wirkt sehr negativ auf den natürlichen Wasserhaushalt, da der Boden nicht mehr als Puffer dient. Der oberflächliche Abfluss wird gesteigert und die Abgabe an das Grundwasser verringert. Dadurch können vermehrte Dürreschäden und stärkere Hochwasser entstehen. Die Grundwasserbelastung und Schadstoffkonzentration kann steigen, da bei punktueller Versickerung des Niederschlags weniger Nähr- und Schadstoffe im Boden gefiltert werden können. Unterirdische Versiegelungen wie Keller können das Strömungsverhalten des Grundwassers negativ beeinflussen. Versiegelungen adsorbieren wegen überwiegend dunkler Flächen (Asphalt) viel Wärme, was an heißen Tagen zu einer starken Erwärmung führt.

In Deutschland wird täglich eine Fläche von über 80 Hektar, das sind 116 Fußballfeldern mit Häusern und Straßen bebaut. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche wuchs zwischen 2008 und 2011 um 2,5 Prozent oder 1182 Quadratkilometer. „Das entspricht rechnerisch einem täglichen Anstieg von 81 Hektar“, teilt das Statistische Bundesamt mit. In ihrer Nachhaltigkeitsstrategie strebt die Bundesregierung an, die tägliche Inanspruchnahme neuer Siedlungs- und Verkehrsflächen bis zum 2020 auf durchschnittlich 30 Hektar pro Tag zu reduzieren. Von diesem festgelegten Ziel ist sie immer noch weit entfernt. Das Ministerium für Umweltschutz, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit empfiehlt darum, zunächst einmal Baulücken und Leerstände auszuschöpfen.

Was bedeutet das für Hüls? Statt ökologische Strukturen zu zerstören erscheint eine behutsame Nachverdichtung, die nicht auf Kosten der Ökologie geht, sinnvoll. Sinnvoll ist sie auf jeden Fall dann, wenn sie auf Flächen stattfindet, die bereits versiegelt sind. Und von denen gibt es in Hüls bekanntlich ja eine ganze Menge, ebenso wie verschiedene leerstehende Häuser, die sinnvollerweise zunächst instandgesetzt und bewohnbar gemacht werden sollten, bevor weitere Flächen versiegelt werden, während bebauter Raum leer steht. Denn genau das zeigt die Entwicklung in Krefeld: die Stadt breitet sich in dem Maße nach Außen aus, wie der Leerstand und damit die Verödung des innerstädtischen Bereichs zunimmt.

Die Frankfurter Rundschau vom 18.4.2016 berichtet, dass in Deutschland bis zu 1,8 Millionen Wohnungen und viele Gewerbeflächen leer stehen würden. Der Architektur-Experte Daniel Fuhrhop vertritt die in dem Artikel zitierte These, „Neubau sei weder wirtschaftlich noch ökologisch zu vertreten, solange es noch so gigantische Leerstände gibt wie derzeit in Deutschland. Auch die Flüchtlingskrise ändere nichts daran. Motto: besser Wieder- und Um-Nutzung statt Neubau.“ Zu den 1,8 Millionen leerstehender Wohnungen stünden noch über acht Millionen Quadratmeter nicht vermieteter Büro-Fläche zur Verfügung, die zumindest theoretisch für Wohnnutzung umgebaut werden könnte und für weitere 100 000 Wohnungen à 80 Quadratmeter reichten.

Es stimmt, dass dieser Leerstand am stärksten in den Ballungszentren zu finden ist. In Krefeld ist das nicht sehr viel anders. Aber genau das ist das Fatale. Der Leerstrand dort entsteht ja auch gerade deswegen, weil die Städte so unattraktiv sind, keinerlei Grünflächen haben, zu dicht bebaut sind und darum mehr und mehr veröden. Deswegen wollen die Leute in weniger dicht bebaute Gegenden ziehen. Die werden dann genauso dicht bebaut, wie die Gegenden, aus denen sie kommen. Und irgendwann sieht Hüls so aus wie Krefelds Innenstadt. Niemand will mehr hier wohnen, weil die Besiedlung zu dicht und nur noch wenig Grün im Ort zu finden ist, der dadurch mehr und mehr seinen Charakter und seinen Charme verliert. Man mag nicht in die Zukunft denken und sich vorstellen, dass nun viele aus dieser Enge und Öde fortziehen möchten und darum Neubaugebiete im Umland fordern oder zum Beispiel Orbroich verdichten wollen. Das allerdings wird, wenn man die Geschichte weiter denkt, in ein paar Jahrzehnten dann so dicht besiedelt sein, dass dort auch niemand mehr leben will und alle noch weiter ins Land ziehen und ökologisch wertvolle Felder, Wälder und Wiesen bebauen möchten, bis am Ende keine Natur mehr übrig bleibt. Einem solchen Horrorszenario sollte man beizeiten begegnen und nicht erst, wenn es mal wieder zu spät ist.

Darum hilft auch das St.-Florians –Prinzip nicht weiter: „… verschon mein Haus steck andere an.“ Es kann also nicht darum gehen, statt des besagten Baugrundstückes Ackerflächen in Hüls Süd-West zuzubauen und zu versiegeln, auch wenn sie ökologisch nicht so wertvoll sind, wie die an der Fetten Henn. Es kann nicht darum gehen, anderswo „Feuer zu legen“. Vielmehr darf überhaupt kein Feuer gelegt werden. Vollzogene Fehler in der Stadtentwicklung verpflichten nicht dazu, neue Fehler zu machen und den alten hinzuzufügen.

Der Umwelt-Beirat der Bundesregierung hat am 10. Mai sein Umweltgutachten 2016 der Bundesregierung mit einem dramatischen Appell und der Forderung nach einer aktiveren Politik gegen den Flächenfraß. Er fordert, den Verbrauch an Fläche in den nächsten Jahren auf null zu bringen. Das bedeute: wenn neue Fläche versiegelt werde, dann müsse eine gleich große bereits versigelte Fläche aufgebrochen und entsiegelt werden. Soll gemäß diesem Umweltgutachten der Bundesregierung in Hüls im Gegenzug zur Versiegelung der Gärten jetzt der Hülser Marktplatz aufgerissen und bepflanzt werden? Das kann leicht vermieden werden.

Hier ist ein wichtiges Schlagwort die Nachverdichtung. Sie soll Flächenfraß, Stadtflucht und Naturzerstörung entgegenwirken. Und durch wirkliche Verdichtung von Baulücken lässt sich zudem noch reichlich Energie sparen. Es gilt also jene bereits versiegelten und bebauten und zudem reichlich vorhandenen Flächen kreativ zu nutzen, damit keine Grünflächen zerstört werden. Es gilt, statt antifunktionalem, antiräumlichem Besitzstädtebau mit seinen monofunktionalen Gebäuden eine funktionale und kreative Mischung in der Bebauung zu schaffen. Das fordert Günther Moewes in der Frankfurter Rundschau vom 29.4.2016 und in seinem Buch „Weder Hütten noch Paläste. Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft“. Doch solche Forderungen sind schwer durchzusetzen, meint Günther Moewes, denn: „unsere Städte werden meist nicht von Architekten geprägt, sondern von Immobilienbesitzern.“ Wenn Nachverdichtung scheitert, findet er, dann deshalb: „Unser Wirtschaftssystem ist prinzipiell nicht daran interessiert, mit minimalem Aufwand möglichst großen Nutzen zu erzielen. Es läuft genau umgekehrt: durch maximalen Aufwand an Umsatz, Arbeit und Material ein Maximum an Profit. Und den gibt es … bei Flächenverbrauch, höherem Erschließungsaufwand und Besitzstädtebau – und eben nicht bei Einsparung, Landschaftsschutz und Nachverdichtung.“

Und zum Schluss möchte ich noch eine Überlegung anfügen, die Ihnen, weil Sie vor allem kommunal und nicht global denken werden, vermutlich recht exotisch vorkommen wird, mir aber als Mensch, der seit über dreißig Jahren aktiv bei der internationalen Kinderhilfsorganisation terre des hommes aktiv war und ist, besonders am Herzen liegt. Nicht zuletzt hat eine gesunde Umwelt, zu der gerade auch das örtliche Kleinklima zählt, für Kinder eine besondere Bedeutung. Damit gewinnt die Diskussion auch eine völkerrechtliche Komponente. Die von Deutschland unterzeichnete Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen weist nämlich recht deutlich auf die ökologischen Kinderrechte hin, die eine weltweite Gültigkeit haben und damit auch in Hüls.

So gibt es viele Gründe, ein liebens- und lebenswertes Hüls mit einer intakten Umwelt und grünen Inseln im Ortskern zu erhalten und damit dazu beizutragen, die Gefahr zukünftiger Katastrophen zu verringern und die Lebensqualität für Erwachsene wie für Kinder und auch für zukünftige Generationen zu erhalten. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich diesen Gründen anschließen könnten.

Mit freundlichen und heimatverbundenen Grüßen

Hans-Martin Große-Oetringhaus